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Der Wolf im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Herdenschutz

Kein anderes Tier in unseren Wäldern polarisiert den öffentlichen Diskurs wie der Wolf. Dabei hat der Wolf eigentlich von jeher seinen Platz in der europäischen Natur. Mit dem Wachstum der Wolfspopulation nehmen allerdings auch die Herausforderungen für ein erfolgreiches Zusammenleben mit dem Wolf in unserer Kulturlandschaft zu.

Seit 2008 sind Wölfe wieder in Sachsen-Anhalt heimisch. Stand September 2020 wurden 134 Wölfe in unserem Bundesland gezählt. 154 Wölfe sind es, wenn man die grenzübergreifend lebenden Tiere mitzählt.[1] Die Grünen im Jerichower Land begrüßen grundsätzlich die Rückkehr des Wolfs.

Der strenge Schutz des Wolfes ergibt sich aus internationalen, europäischen und nationalen Rechtsvorschriften. Diese strengen Rechtsnormen setzen den Rahmen für das Wolfsmanagement auf Landesebene.

Wolf und Ökologie

Eine der sichtbarsten Folgen des Klimawandels ist der teilweise dramatisch schlechte Zustand unserer Wälder. Die standortgerechte Entwicklung unserer Wälder ist eine gewaltige Aufgabe, die sich noch über Jahrzehnte hinziehen wird. Die Naturverjüngung der Bestände spielt hierbei eine zentrale Rolle. Um Verbissschäden möglichst gering zu halten, setzt eine erfolgreiche Waldentwicklung unverzichtbar angepasste Wildbestände voraus.[2]

Der Landesrechnungshof beziffert die Wildschäden durch überhöhte Schalenwildbestände allein im Landeswald, d.h. auf 8 % der Waldfläche Sachsen-Anhalts, auf 74 Mio. Euro. Diese Zahlen berücksichtigen nur den rein finanziellen Schaden und berücksichtigen nicht den ökologischen Gesamtschaden wie zum Beispiel eine Reduktion der Naturverjüngung oder der Artenvielfalt.[3]

Als letzter verbliebener großer Beutegreifer in relevanter Zahl erfüllt der Wolf bei der Regulierung des Schalenwildes eine wichtige Rolle im Ökosystem Wald und dient damit auch dem dringend notwendigen ökologischen Waldumbau.

Wolf und Herdenschutz

Auch die Weidetierhaltung ist ein wichtiges und schutzwürdiges Element des Naturschutzes sowie der artgerechten Tierhaltung. Sie leistet wertvolle Beiträge zum Erhalt unserer Kulturlandschaft und der Artenvielfalt. Durch entsprechende Förderprogramme und die Unterstützung betroffener Tierhalter möchten wir die Konflikte mit dem Wolf minimieren.

Nach abnehmenden Risszahlen in den vergangenen Jahren, sind in letzter Zeit Übergriffe der Wölfe auf Weidetiere wieder häufiger geworden und fanden häufig auch in unmittelbarer Nähe unserer Dörfer statt. Gemäss Wolfskompetenzzentrum Iden (WZI) gab es im Monitoringjahr 2019/20 insgesamt 95 Übergriffe mit 385 getöteten Nutztieren. Die Anzahl der Nutztierübergriffe hat damit um 86 % zugenommen. Das Jerichower Land war mit 125 getöteten Tieren mit Abstand am stärksten betroffen.

Bei wiederholten Übergriffen war es gemäß WZI in allen Fällen möglich, fortlaufende Übergriffe durch angepasste Herdenschutzmaßnahmen zu stoppen. Auch der spürbare Rückgang von Übergriffen auf Rinder trotz steigender Wolfspopulation zeigt, dass die verbesserten Herdenschutzmaßnahmen bei hauptberuflichen Tierhaltern durchaus erfolgreich sind.

Insbesondere kleine Herden von Hobby- und Nebenerwerbstierhaltern sind heute oft noch nicht ausreichend gegen Wölfe geschützt. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Sehr hilfreich in diesem Zusammenhang ist, dass das Land Sachsen-Anhalt umfassende Beratungs- und Fördermöglichkeiten für Weidetierhalter bietet und dass auch für außerlandwirtschaftliche Kleintierhalter angemessene Herdenschutzmaßnahmen zu 100 % gefördert werden.[4] Ab diesem Jahr wird auch der Arbeitsmehraufwand für die wolfssicheren Umzäunungen finanziell entschädigt.[5]

In Fällen, in denen die zur Verfügung stehenden Schutz- oder Vergrämungsmaßnahmen nicht greifen und es dennoch zu wiederholten Übergriffen auf Weidetiere kommt, muss man Problemwölfe auch ohne überbordenden Verwaltungsaufwand entnehmen können. Die Grünen im Jerichower Land setzen sich dafür ein, dass die Entnahme von nachgewiesenen Problemwölfen konsequent erfolgt. Solche Entnahmen, wenn ein Wolf unverhältnismäßig hohen Schaden verursacht, sind gemäß der Leitlinie Wolf in Sachsen-Anhalt auch heute schon möglich.[6]

Ein Wolf, der unzureichend geschützte Nutztiere angreift ist allerdings aus unserer Sicht kein Problemwolf, sondern zeigt grundsätzlich natürliches Verhalten. Zielführend kann in solchen Fällen nur die Verbesserung des Herdenschutzes sein. Die bloße Entnahme eines Wolfes könnte weitere Wolfsangriffe nicht verhindern.

Die Wölfe sind wieder heimisch in Sachsen-Anhalt. Das birgt neben den beschriebenen positiven Aspekten für den ökologischen Waldumbau und intakte Ökosysteme auch Risiken für Tierhalter. Die Instrumente für die Minimierung dieser Risiken in Form von umfassend geförderten Herdenschutzmaßnahmen und ggf. der fallweisen Entnahme von Wölfen bei dennoch auftretenden Problemen stehen zur Verfügung und müssen nun genutzt werden.

Rüdiger Claus

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Kreisverband Jerichower Land

E-Mail: kontakt@gruene-jerichower-land.de


[1] Wolfsmonitoring Sachsen-Anhalt, Bericht zum Monitoringjahr 2019/20, Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt, Wolfskompentenzzentrum Iden, November 2020

[2] Anpassung der Wälder an den Klimawandel, Positionspapier des Deutschen Verbandes Forstlicher Forschungsanstalten (DVFFA) vom 09.09.2019

[3] Jahresbericht 2020 des Landesrechnungshofes Sachsen-Anhalt vom 30.11.2020

[4] Merkblatt Förderung von Maßnahmen des Herdenschutzes vor dem Wolf, Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt, Wolfskompentenzzentrum Iden, 2019

[5] Wölfe in Sachsen-Anhalt, Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie Sachsen-Anhalt, 2021

[6] Leitlinie Wolf, Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Wölfen, Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie Sachsen-Anhalt vom 6. Juli 2017

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